Teil 7 der 1001 Waldgeschichten: Meine Superkraft
„Du bist zu sensibel.“ Diese Worte haben die Frau mit den kurzen braunen Haaren schon seit ihrer Kindheit verfolgt. Sie hat sie so oft gehört, dass sie zu einem inneren Mantra wurden.
Sie starrt auf die unheilvolle Termineinladung auf dem Bildschirm vor ihr. Der Chef lädt sie zu einer Krisensitzung zum aktuellen Projekt ein. Die Angst, dass ihr bei einem solchen Meeting vor lauter Verzweiflung und Wut die Tränen kommen könnten, breitet sich wie ein grauer Schleier in ihr aus.
In der Mittagspause sucht sie den nahegelegenen Wald auf. Der Wald bietet eine kurze Flucht aus der Hektik des Büros. Als sie durch das Unterholz schreitet, sucht sie nach einem Moment der Ruhe, der sie von ihren Ängsten befreien kann.
Am Rand eines kleinen Teichs hält sie inne. Das Wasser ist ruhig und spiegelt die Bäume, das Licht und die Schatten. Plötzlich bemerkt sie ein Reh, das vorsichtig ans Wasser tritt, die Ohren aufgestellt, die Augen wachsam. Es scheint einen Moment lang wie eingefroren, bereit zur Flucht, wenn auch nur der leiseste Verdacht auf Gefahr aufkommt.
Die Frau beugt sich näher, ihre Augen folgen dem Reh, und als sie in das Wasser blickt, sieht sie nicht sich selbst. Das Spiegelbild zeigt nicht das schüchterne Reh, sondern einen mächtigen Bären, mit kräftigen Schultern und einer majestätischen Haltung.
Das Bild des Bären löst in ihr eine tiefe Erkenntnis aus. Vielleicht ist sie nicht nur das ängstliche Reh, das immer auf der Hut ist, sondern auch der starke Bär, der in der Lage ist, seine Gefühle zu erkennen und zu nutzen. Sie spürt eine Welle von Stärke und Selbstvertrauen, die durch sie hindurchfließt.
Zurück im Büro, bereitet sie sich auf das Gespräch mit ihrem Chef vor. Als sie ihm gegenüber sitzt, werden ihre Emotionen, die sie oft als Hindernis betrachtet hat, zu ihrem Werkzeug. Sie spricht empathisch und offen.
Im Verlauf des Gesprächs erkennt sie auch die versteckten Gefühle ihres Chefs. Mit der Stärke des Bären, die sie nun in sich trägt, kann sie diese Gefühle erfassen und einfühlsam begleiten.
Als das Gespräch endet, lächelt sie. Sie weiß jetzt, dass ihre Sensibilität keine Schwäche ist, sondern eine Superkraft, die ihr hilft, sich selbst und andere besser zu verstehen.