Teil 2 der 1001 Waldgeschichten: Schwein gehabt

Zwei Wochen lang hat Theo auf einen Notfall gewartet, und jetzt ist er endlich da. Er sitzt auf seinem roten Laufrad mit der neuen Hupe. Liebevoll blickt Theo auf den silbernen Trichter und den schwarzen Blasebalg. Vor Theo liegt eine gestreifte Katze mitten auf dem Bürgersteig. Die Katze guckt Theo an, Theo guckt die Hupe an. Die Hupe, die laut Mama nur in absoluten Notfällen betätigt werden darf. Theo hupt. Im zweiten Obergeschoss fällt Margret Meier die Kaffeetasse aus der Hand. 200 Meter entfernt bremst ein Autofahrer und guckt sich hilfesuchend um.

In einem Kilometer Entfernung spitzt die Wildschweinbache ihre Ohren. Sie erinnert sich an ähnliche Geräusche, Erinnerungen einer Jagd steigen in ihr auf. Sie zögert nur für einen Augenblick, dann ruft sie ihre Frischlinge und trabt los. Auf ausgetretenen Pfaden, die sie von ihrer Mutter gelernt hat, führt sie die Frischlinge durch den Wald. Das Ziel ist das andere Ufer des kleinen Flusses. Geschickt überquert die Familie das Wasser. Eine offene Wiese liegt vor ihnen. Der Nebel hat an diesem Morgen zwischen den Stämmen der Bäume verschlafen, sodass sich die Sonne nun unbemerkt über die Wipfel der Bäume schiebt.

Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln die Jägerin auf dem Hochsitz sanft an der Nase. Die eckigen, sperrigen Gedanken des Alltags sind in der wunderschönen Szenerie verstummt. Sie genießt bewusst das Alleinsein in der Natur. Das Gewehr lehnt neben ihr. Ein Geräusch von links; suchend lässt sie den Blick durchs Fernglas über die Wiese gleiten. Die Bache blickt zum Hochsitz auf und erkennt sofort ihren Fehler. Aus ihrem Trab wird ein Galopp. Die Frischlinge geben alles. Das Gewehr auf dem Hochsitz lehnt noch immer an der Holzwand. Es gibt Gesetze, die die Bache mit ihren gestreiften Frischlingen schützen. Der Jägerin ist Moral bei der Jagd sowieso wichtiger als ein voller Kochtopf. Die Frau lächelt über die putzigen Frischlinge und bewundert die kluge Wildschweinbache. Die Familie hat es in den Wald geschafft. Sie sind in Sicherheit. Die Jägerin genießt noch einige Zeit die wundervolle Weite und den Blick zum Wald, bevor sie langsam herunterklettert und den Wildschweinen in den Wald folgt. Manchmal ist ein Tag zu schön, um ihn mit einem Schuss zu unterbrechen.

Die Katze guckt Theo an, Theo guckt die Katze an und gibt sich geschlagen. Er steigt vom Laufrad und setzt sich zur Katze auf den Bürgersteig. Als er sie hinter den Ohren krault, beginnt die Katze genüsslich zu schnurren.

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Teil 3 der 1001 Waldgeschichten: Essenz

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Teil 1 der 1001 Waldgeschichten: Sei ein Fuchs, geh’ in den Wald