Teil 1 der 1001 Waldgeschichten: Sei ein Fuchs, geh’ in den Wald
In einer schwarzweißen Welt steigt ihr der modrige Geruch abgestorbener Blätter in die Fühler. Hungrig kriecht die Schnirkelschnecke darauf zu. Ihr gelbliches Schneckenhaus mit der kontrastreichen, dunkelbraunen Linie schimmert in den Sonnenstrahlen, die es schaffen, sich durch das dichte Blätterdach des Waldes zu zwängen. Genüsslich beginnt sie das welke Blatt zu verspeisen.
Plötzlich spürt sie eine Vibration, sieht einen Schatten vorüberstreichen. Sie zieht ihre Fühler ein und verkriecht sich vollständig in ihrem Haus, um dort in Sicherheit mögliche Gefahren auszusitzen.
Der Fuchs bemerkt davon nichts. Er hat es nicht eilig. Im lockeren Trab quert er den Waldweg. Seiner Intuition und Erfahrung folgend verschwindet er im Unterholz. Der weiche Waldboden gibt unter seinen Pfoten nach.
Der Mann in der Multifunktionsjacke hat die Schultern hochgezogen, die Augen auf den Boden gerichtet. Sein Schritt ist schnell und zielstrebig. In seinem Blickfeld schiebt sich ein welkes Blatt, darauf erkennt er im letzten Moment ein Schneckenhaus. Er bremst abrupt ab, um es nicht zu zertreten. Nach kurzem Zögern kniet er sich auf den Waldweg und wartet.
Seine Atmung wird langsamer. Er wartet.
Plötzlich hört er das leise Vogelgezwitscher und das Rascheln des Windes im Blätterdach. Er wartet.
Er riecht das feuchte Moos am Wegesrand und einen Hauch von Erde. Er wartet.
Er fühlt den weichen Waldboden unter seinen Schuhen und den leichten Wind in seinem Gesicht. Er wartet.
Und dann streckt die kleine Schnirkelschnecke ihren Kopf aus dem Schneckenhaus. Prüfend und langsam fährt sie die Fühler aus und wendet sich schließlich wieder ihrer Mahlzeit zu.
Im lauten Alltag voller Menschen, Terminen und Eindrücken hatten sich auch die Sinne des Mannes in ihr Schneckenhaus zurückgezogen. Sein Gehirn hat die Sinne – im schieren Kampf eine Überforderung zu vermeiden – abgedämpft. Hier im Wald kriechen die Sinne nun erneut hervor und werden wieder wachsam.
Er atmet einmal tief ein und aus. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, als er das Knabbern der Schnecke hört. Da fällt sein Blick auf einen Pfotenabdruck in der weichen Erde am Rande des Weges. Das Bild eines Fuchses, der seinen Weg kreuzt, steigt in ihm auf.
Der Mann richtet sich auf, spaziert weiter den Waldweg entlang. Seiner Intuition und Erfahrung folgend schlendert er durch eine vielfältige, bunte Welt voller Wunder.