Teil 9 der 1001 Waldgeschichten: Waldboden – sanftes Genie

Die Frau mit der tiefen Stimme steht an ihrem Lieblingsplatz. Über ihr ragen die Kronen mächtiger Buchen in den Himmel. Bäume starren sie nicht an, um herauszufinden, in welche Schublade sie sie stecken sollen. Hinter ihr liegt eine ereignisreiche, harte Woche und vor ihr die atemberaubende Schönheit der Natur. Ihr ist zum Weinen zumute, alle Gefühle fließen zu lassen, anzuerkennen und loszulassen.

Aber: Darf sie das? In ihrer Kindheit hörte sie oft, sie solle nicht heulen wie ein kleines Mädchen. Jungs sollen stark und taff sein. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ und ähnliche blödsinnige wie diskriminierende Aussagen sind keine Seltenheit.

Heute ist sie in dem Körper, in dem sich ihre Seele wohlfühlt. Vieles hat sich dadurch verändert, doch eines überrascht sie: Entgegen aller Sprüche dürfen auch Frauen nicht weinen. Sie sollen sich zusammenreißen, stark und taff sein, sonst werden sie schnell als sentimental abgestempelt und nicht weiter ernst genommen.

Die Frau, die so sehr dafür kämpfen musste, eine Frau zu sein, nimmt sich ernst. Und in diesem Moment im Wald nimmt sie auch ihre Gefühle an. Das Blätterdach gibt ihr einen schützenden Rahmen, in dem sie sich nicht verstellen oder zusammenreißen muss.

Eine Träne läuft ihr die Wangen hinunter. Echte Frauen weinen! Echte Männer auch! Und wenn unsere Gesellschaft bereit ist, diese Kategorien abzulegen und jeder einfach der Mensch sein darf, der er sein möchte, dann werden wir unsere Freudentränen mit Stolz teilen.

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Teil 8 der 1001 Waldgeschichten: Wegweiser ins Glück